DNF IM TRIATHLON – Wann ist Aufhören Stärke. Wann braucht Weitermachen Mut.

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Ein DNF im Triathlon oder anderen Rennen ist mehr als ein Eintrag in der Ergebnisliste. Es ist eine Entscheidung unter körperlicher Belastung, emotionalem Druck und enttäuschter Erwartung. Und genau deshalb sagt es oft mehr über einen Athleten aus als eine reine Zielzeit. Drei Buchstaben, die im Ausdauersport mehr auslösen können als eine schlechte Platzierung: DNF – Did Not Finish.

 

Ein Wettkampf wird begonnen, aber nicht beendet. Was nüchtern klingt, kann emotional schwer wiegen: Enttäuschung, Zweifel, Frustration und manchmal auch Scham. Monate konsequenter Vorbereitung scheinen sich plötzlich auf diese drei Buchstaben zu reduzieren.

Doch ein DNF ist nicht gleich ein DNF. Es kann die einzig vernünftige Entscheidung eines verantwortungsbewussten Athleten sein und Ausdruck guter Körperwahrnehmung und sportlicher Reife. Es kann aber ebenso aus enttäuschter Erwartung, verletztem Ego oder aus der Angst entstehen, ein Ergebnis akzeptieren zu müssen, das nicht dem eigenen Anspruch entspricht.

Deshalb ist nicht allein entscheidend, ob ein Athlet einen Wettkampf abbricht, sondern vor allem, warum.

 

EIN WETTKAMPF IST KEIN LABOR

Wer an des Startlinie eines Wettkampfes steht, akzeptiert etwas, das sich durch Training niemals vollständig kontrollieren lässt: Unsicherheit.

Man kann hervorragend vorbereitet sein, seine Leistungswerte kennen, Ernährung und Pacing planen und verschiedene Szenarien durchspielen. Trotzdem gibt es keine Garantie für das geplante Ergebnis. Temperatur, Wind, Strecke, Material, Ernährung, Infekte, Tagesform, Renndynamik und manchmal schlicht eigene Fehlentscheidungen verändern ein Rennen.

Genau darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Training und Wettkampf. Training entwickelt Leistungsfähigkeit. Der Wettkampf zeigt, wie gut ein Athlet diese Leistungsfähigkeit unter realen Bedingungen einsetzen kann und wie gut er in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, wenn die Realität nicht dem Plan entspricht.

Wer nur solange bereit ist weiterzumachen, wie das gewünschte Ergebnis erreichbar erscheint, trainiert deshalb nicht zwingend mentale Stärke. Unter Umständen trainiert er vor allem Ergebnisabhängigkeit. Wettkampfkompetenz bedeutet mehr. Sie zeigt sich darin, Leistung unter Druck abrufen, Probleme lösen, Entscheidungen anpassen und auch dann handlungsfähig bleiben zu können, wenn ein Rennen eine andere Richtung nimmt als geplant.

 

WIE HÄUFIG IST EIN DNF EIGENTLICH?

Ein DNF ist im Triathlon keineswegs selten. Bei IRONMAN-Rennen liegen die DNF-Raten unter tatsächlichen Startern häufig im einstelligen Prozentbereich, können unter schwierigen Bedingungen aber deutlich über 20 Prozent steigen. Hitze, Kälte, anspruchsvolle Strecken, verpasste Cut-offs, gastrointestinale Probleme, Erschöpfung und Verletzungen gehören zu den Faktoren, die nachweislich eine Rolle spielen.

DNF-Raten bei ausgewählten IRONMAN-Rennen

Quelle: Russell Cox / Triathlete (2025), Auswertung von rund 500 IRONMAN-Rennen 2012–2025. Eigene Darstellung.
Hinweis: Dargestellt sind ausgewählte Rennen mit außergewöhnlich hohen DNF-Raten. Sie sind nicht repräsentativ für die durchschnittliche DNF-Rate bei IRONMAN-Rennen.

 

Erstaunlich wenig wissen wir allerdings darüber, warum ein einzelner Athlet tatsächlich aussteigt. Ergebnislisten dokumentieren meist nur das DNF. Medizinische Studien erfassen vor allem Athleten, die gesundheitliche Hilfe benötigen. Ob jemand wegen einer realen gesundheitlichen Gefährdung, eines Materialdefekts, eines verpassten Cut-offs oder deshalb aufhört, weil das persönliche Wettkampfziel nicht mehr erreichbar erscheint, wird kaum systematisch erfasst.

Genau deshalb lässt sich ein DNF nicht allein anhand der drei Buchstaben in der Ergebnisliste bewerten.

 

WENN AUFHÖREN DIE RICHTIGE ENTSCHEIDUNG IST

Es gibt Situationen, in denen Willenskraft, mentale Stärke oder Durchhaltevermögen zweitrangig werden. Die Gesundheit steht über Wettkampf: Akute medizinische Probleme, neurologische Auffälligkeiten, Bewusstseinsstörungen, erhebliche Kreislaufprobleme, schwere Hitzeprobleme oder Verletzungen, bei denen eine Fortsetzung weitere Schäden verursachen könnte, sind keine Situationen für heroische Selbstüberwindung.

Gerade lange Ausdauerwettkämpfe können durch Hitze, Flüssigkeits- und Elektrolytverschiebungen sowie muskuläre oder orthopädische Probleme gesundheitlich kritische Situationen erzeugen. Dann ist ein Abbruch kein Zeichen mangelnder Härte, sondern vernünftige Risikobewertung.

Ein erfahrener Athlet muss deshalb lernen, zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Situationen zu unterscheiden:

 

„Das ist gerade sehr unangenehm.“

und

„Das ist gesundheitlich nicht mehr verantwortbar.“

 

Ausdauersport ist mit Ermüdung, Schmerz, Unwohlsein und zunehmender Schwierigkeit verbunden. Wer jedes Warnsignal ignoriert, handelt nicht besonders hart, sondern möglicherweise fahrlässig. Wer dagegen jede unangenehme Empfindung als Grund zum Abbruch versteht, wird seine Leistungsgrenzen kaum kennenlernen.

Genau hier beginnt sportliche Reife: den eigenen Körper ernst zu nehmen, ohne jede Belastung vorschnell als Gefahr zu interpretieren.

 

DAS ZIEL IST WEG. UND WAS JETZT?

Interessanter wird ein DNF dort, wo keine klare medizinische Indikation vorliegt.

Vielleicht merkt ein Athlet nach 80 Kilometern auf dem Rad, dass die geplante Leistung an diesem Tag nicht möglich ist. Oder wenige Kilometer nach dem zweiten Wechsel wird klar, dass die Zielzeit nicht mehr erreichbar ist. Vielleicht wurde beim Schwimmen zu viel Zeit verloren, die Beine funktionieren nicht wie erwartet oder die Konkurrenz ist längst außer Reichweite.

Dann entsteht eine andere Frage: Sollte ich überhaupt noch weitermachen? In vielen Fällen lautet die Antwort: ja.

Dass das ursprünglich geplante Ergebnis nicht mehr erreichbar ist, ist für sich allein normalerweise kein guter Grund, einen gesundheitlich verantwortbar fortsetzbaren Wettkampf abzubrechen.

Gerade hier beginnt ein besonders wertvoller Teil des sportlichen Lernprozesses. Denn Wettkampfsport besteht nicht nur darin, einen vorher erstellten Plan exakt abzuarbeiten. Er besteht auch darin, unter Belastung neu zu bewerten, Prioritäten zu verschieben und das Bestmögliche aus einer veränderten Situation zu machen.

 

SCHÜTZT EIN DNF IM TRIATHLON DAS EGO

Ein DNF besitzt psychologisch eine besondere Eigenschaft: Es lässt Raum für Interpretation.

Nach einem Abbruch bleibt häufig die Möglichkeit zu sagen, dass es an diesem Tag eben nicht ging, die Bedingungen ungünstig waren oder die tatsächliche Leistungsfähigkeit unter anderen Umständen eine andere gewesen wäre. Ein gefinishtes Rennen dagegen liefert eine konkrete Zahl: eine Zeit, eine Platzierung, einen Abstand zur Konkurrenz oder zur eigenen Bestleistung.

Gerade für leistungsorientierte Athleten kann deshalb ein DNF paradoxerweise psychologisch angenehmer sein als ein schlechtes Finish. Der Wettkampf wird beendet, bevor das Ergebnis endgültig dokumentiert, dass die eigene Erwartung an diesem Tag nicht erfüllt wurde.

Damit kann ein Abbruch unbewusst auch zu einer Strategie des Selbstwertschutzes werden. Problematisch wird dies insbesondere dann, wenn sportliche Leistung eng mit dem eigenen Selbstbild verbunden ist und ein schlechtes Ergebnis nicht mehr als einzelner Wettkampf, sondern als Aussage über die eigene Person verstanden wird.

Nicht jeder vermeidbare DNF ist deshalb Ausdruck eines mentalen Problems. Aber die Motivation hinter einem Abbruch verdient eine ehrliche Analyse.

Gerade ambitionierte Athleten sollten sich fragen können: Habe ich aufgehört, weil eine Fortsetzung nicht mehr sinnvoll war oder weil ich das Ergebnis nicht mehr akzeptieren wollte?

Das ist unbequem. Aber genau darin liegt der besondere Wert der Frage.

 

WESSEN ERWARTUNGEN ERFÜLLST DU EIGENTLICH?

Kaum ein ambitionierter Athlet startet völlig frei von Erwartungen. Es gibt eigene Ziele: eine Zeit, Wattzahl, Platzierung oder Qualifikation. Gleichzeitig entstehen externe Erwartungen durch Trainer, Trainingspartner, Familie, Verein, Sponsoren oder soziale Medien.

Man hat das Ziel vielleicht öffentlich gemacht, monatelang über den Wettkampf gesprochen und Trainingsdaten geteilt. Andere wissen, welche Leistung erwartet wird. Damit beantwortet der Wettkampf irgendwann nicht mehr nur die Frage „Was kann ich heute leisten?“, sondern möglicherweise auch „Was werden andere über mich denken, wenn ich mein Ziel nicht erreiche?“

Das verändert Entscheidungen.

Je stärker die Motivation aus eigenen, selbstbestimmten Gründen entsteht, desto stabiler ist meist auch die Bindung an den Prozess. Wer dagegen vor allem äußere Erwartungen erfüllen oder seinen Selbstwert über Ergebnisse absichern möchte, reagiert empfindlicher auf Situationen, in denen das geplante Resultat außer Reichweite gerät.

Ein Athlet braucht deshalb mehr als ein Ziel. Er braucht einen eigenen Grund dafür, warum es sich lohnt, diesen Prozess überhaupt zu verfolgen.

Denn wenn das „Warum“ nur aus einer Zielzeit, einer Platzierung oder der Anerkennung anderer besteht, verliert der Wettkampf schnell seinen Wert, sobald genau dieses Ergebnis nicht mehr erreichbar ist.

 

EIN ZIEL LOSLASSEN, OHNE DEN WETTKAMPF AUFZUGEBEN

Eine der wichtigsten Fähigkeiten im Wettkampfsport besteht darin, ein ursprüngliches Ziel loslassen zu können, ohne deshalb den gesamten Wettkampf aufzugeben:

  • Aus dem Versuch, unter vier Stunden zu bleiben, wird die Aufgabe, die zweite Hälfte möglichst intelligent zu gestalten.
  • Aus dem Ziel, die Altersklasse zu gewinnen, wird die Herausforderung, trotz schwieriger Ausgangslage noch bestmöglich zu laufen.
  • Aus einer geplanten Bestzeit wird das Ziel, den Wettkampf kontrolliert und professionell zu Ende zu bringen.

Das ist kein Rückzug. Es ist gute Selbstregulation.

Ein Wettkampf ist kein statisches Ereignis. Der Athlet vergleicht während des gesamten Rennens seinen aktuellen Zustand mit dem ursprünglichen Plan und muss fortlaufend Entscheidungen treffen. Wenn ein Ziel objektiv nicht mehr erreichbar oder nicht mehr sinnvoll ist, kann es notwendig sein, dieses Ziel loszulassen und durch ein neues zu ersetzen. Man kann ein Ziel also aufgeben, ohne gleich den Wettkampf aufzugeben.

Gerade diese Fähigkeit verhindert, dass die gesamte Motivation an einem einzigen Resultat hängt. Sie macht aus einem Athleten jemanden, der nicht nur unter idealen Bedingungen funktioniert, sondern auch dann leistungsfähig bleibt, wenn Anpassung gefragt ist.

 

SCHLECHTE TAGE SIND OFT DIE BESSEREN LEHRER

Athleten sagen häufig, Wettkämpfe sollen zeigen, „wo man steht“. Das gilt nicht nur für physiologische Leistungsfähigkeit.

Ein Rennen zeigt ebenso, wie jemand mit Problemen umgeht, wie er auf einen unerwarteten Rückstand reagiert und ob er emotionale Enttäuschung von der nächsten sportlichen Entscheidung trennen kann. Es zeigt, ob der Athlet seine Intensität anpasst, weiterhin ausreichend isst und trinkt, technisch sauber bleibt und seine Aufmerksamkeit wieder auf jene Faktoren richtet, die er tatsächlich beeinflussen kann.

Gerade schwierige Wettkämpfe entwickeln Fähigkeiten, die in einem perfekten Rennen kaum benötigt werden. Ein Rennen, in dem alles funktioniert, bestätigt Vorbereitung und Leistungsfähigkeit. Ein Rennen, in dem etwas schiefläuft, zeigt zusätzlich, wie belastbar das gesamte System aus Körper, Kopf, Strategie und Entscheidungsfähigkeit tatsächlich ist.

Das macht schlechte Wettkämpfe nicht automatisch wertvoll. Aber sie können es werden, wenn ein Athlet sie richtig verarbeitet. Diese Anpassungsfähigkeit ist eine der Voraussetzungen dafür, über viele Jahre hinweg leistungsfähig zu bleiben.

 

EIN DNF ENDET NICHT AN DER STRECKE

Ein Wettkampfabbruch reist psychologisch mit nach Hause.

Ein medizinisch notwendiger DNF kann zunächst enttäuschen und langfristig trotzdem das Vertrauen in die eigene Entscheidungsfähigkeit stärken. Der Athlet erlebt, dass er seinen Körper ernst genommen und unter schwierigen Umständen vernünftig entschieden hat.

Ein impulsiver DNF aus Frustration kann dagegen eine andere Spur hinterlassen. Wenn ein Athlet im Nachhinein erkennt, dass er vor allem ausgestiegen ist, weil das ursprünglich gewünschte Ergebnis nicht mehr erreichbar war, können Zweifel an der eigenen Belastbarkeit entstehen.

Das ist deshalb relevant, weil Verhalten gelernt wird. Erlebt ein Athlet mehrfach, dass das Beenden einer unangenehmen oder emotional belastenden Situation unmittelbar Erleichterung erzeugt, kann die Schwelle für dieselbe Entscheidung beim nächsten Wettkampf sinken.

Nicht zwangsläufig und meist auch nicht bewusst. Dennoch kann daraus ein Muster entstehen. Beim nächsten schwierigen Rennen existiert dann bereits eine bekannte Option: aufhören.

Deshalb sollte ein DNF weder dramatisiert noch reflexartig verharmlost werden. Es geht nicht darum, einen Athleten für einen Abbruch zu verurteilen. Es geht darum zu verstehen, was zu dieser Entscheidung geführt hat und welche Konsequenz daraus für die weitere Entwicklung entsteht.

 

FINISH UM JEDEN PREIS IST KEINE TUGEND

Ebenso problematisch ist die gegenteilige Philosophie, nach der ein „echter Athlet“ niemals aussteigt. Das klingt heroisch, ist sportwissenschaftlich jedoch kaum haltbar.

Der Wert eines Athleten bemisst sich nicht daran, wie lange er bereit ist, medizinische Warnzeichen zu ignorieren. Auch die Vorstellung, Schmerz grundsätzlich überwinden zu müssen, wird problematisch, wenn Selbstwert, Anerkennung und sportliche Identität zunehmend mit Leidensfähigkeit verbunden werden.

Mentale Stärke bedeutet nicht, jede Grenze zu ignorieren. Sie bedeutet vielmehr, Belastung aushalten zu können und gleichzeitig urteilsfähig zu bleiben.

Nicht jedes Finish ist mutig. Nicht jedes DNF ist vernünftig.

Entscheidend bleibt die Qualität der Entscheidung.

 

DIE FRAGE, DIE IM RENNEN WIRKLICH ZÄHLT

Im Wettkampf sollte deshalb nicht zuerst gefragt werden: „Kann ich mein Ziel noch erreichen?“

Die wichtigere Frage lautet: „Ist eine Fortsetzung gesundheitlich verantwortbar und sportlich noch sinnvoll?“

Daraus ergeben sich drei grundsätzlich unterschiedliche Situationen:

1. Gesundheitliche Gefährdung: abbrechen!

Wenn eine Fortsetzung medizinisch problematisch oder potenziell gefährlich ist, verliert das Wettkampfziel seine Bedeutung.

2. Unklare Situation: anpassen und neu bewerten!

Tempo reduzieren, Körperzustand überprüfen, Ernährung, Flüssigkeitszufuhr, Temperatur und muskuläre Situation beurteilen und gegebenenfalls medizinische Hilfe nutzen. Danach neu entscheiden.

3. Nur das geplante Ergebnis ist verloren: weiterkämpfen!

Wenn der Athlet gesundheitlich belastbar bleibt und eine Fortsetzung sinnvoll ist, sollte ein verlorenes Zeitziel nicht automatisch das Ende des Wettkampfs bedeuten. Dann beginnt möglicherweise einfach ein anderer Wettkampf als der ursprünglich geplante.

 

GUTE ENTSCHEIDUNGEN BEGINNEN VOR DEM START

Die Entscheidung über Weiterkämpfen oder Abbruch sollte möglichst nicht erst in einem emotionalen Tiefpunkt während eines langen Rennens entstehen.

Sie beginnt bereits in der Vorbereitung.

Gutes Coaching bedeutet deshalb nicht nur, Trainingspläne zu schreiben, Leistungswerte zu interpretieren und Zielzeiten festzulegen. Es bedeutet auch, den Athleten auf Situationen vorzubereiten, in denen der ursprüngliche Plan nicht funktioniert.

Was passiert nach einem schlechten Schwimmen? Wie reagieren wir auf Hitze? Was tun wir, wenn die geplante Radleistung nicht möglich ist? Welche Beschwerden akzeptieren wir und welche Symptome sind klare Abbruchkriterien? Wann wird aus Plan A ein Plan B? Und welches Ziel bleibt bestehen, wenn die Bestzeit nicht mehr erreichbar ist?

Damit verändert sich die Entscheidungsstruktur im Rennen.

Der Athlet muss im Moment maximaler Ermüdung nicht grundsätzlich darüber nachdenken, ob der gesamte Wettkampf noch einen Wert besitzt. Er muss vielmehr entscheiden, welche Form des Wettkampfs ab diesem Moment sinnvoll ist.

Das ist ein wesentlicher Teil von Wettkampfkompetenz.

 

NACH DEM DNF: VERSTEHEN STATT VERURTEILEN

Nach einem Wettkampfabbruch helfen weder Selbstmitleid noch moralische Urteile.

Die zentrale Frage lautet: Was genau hat zur Entscheidung geführt?

War es ein medizinisches Problem, ein Pacing-Fehler, Hitze, Ernährung, eine Verletzung oder mentale Erschöpfung? War die Enttäuschung über die Zwischenzeit entscheidend? Die Angst vor einem schlechten Ergebnis? Oder war das ursprünglich gesetzte Ziel tatsächlich nicht mehr sinnvoll?

Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lässt sich aus einem DNF etwas lernen.

Ein Wettkampfabbruch sollte deshalb weder verdrängt noch über Monate emotional konserviert werden. Er ist zunächst Information. Diese Information kann das Training verändern, die Wettkampfstrategie verbessern und sogar das Selbstvertrauen stärken, wenn ein Athlet versteht, was passiert ist und daraus konkrete Handlungskompetenz entwickelt.

Echtes sportliches Selbstvertrauen entsteht ohnehin nicht dadurch, dass immer alles funktioniert. Es entsteht aus der Erfahrung, auch mit Situationen umgehen zu können, in denen nicht alles funktioniert.

Wer Selbstbewusstsein ausschließlich aus Bestzeiten, Podiumsplätzen und perfekten Wettkämpfen gewinnt, baut ein fragiles System. Denn irgendwann kommt der schlechte Tag.

Ein robuster Athlet besitzt eine breitere Erfahrung. Er weiß, dass er gewinnen und verlieren kann, Fehler machen und korrigieren kann, ein Ziel während des Rennens verändern und einen schwierigen Wettkampf trotzdem beenden kann. Gleichzeitig weiß er auch, dass er abbrechen darf und muss, wenn eine Fortsetzung gesundheitlich oder sportlich nicht mehr verantwortbar ist.

Genau diese Erfahrungen entwickeln langfristig nicht nur Leistungsfähigkeit, sondern auch sportliche Persönlichkeit.

 

DNF IST KEIN URTEIL

Sollte man einen Wettkampf leichtfertig abbrechen, nur weil die eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden und das geplante Ziel außer Reichweite gerät?

Nein. Nicht solange eine Fortsetzung gesundheitlich verantwortbar und sportlich sinnvoll ist. Wettkampfsport bedeutet nicht nur, das perfekte Rennen unter perfekten Bedingungen abzurufen. Er beginnt häufig genau dort, wo der Plan nicht mehr funktioniert. Dort zeigt sich, ob ein Athlet lediglich eine Leistung abrufen kann oder ob er gelernt hat, mit Belastung, Unsicherheit und Enttäuschung umzugehen.

Manchmal bedeutet mentale Stärke, weiterzumachen, obwohl die Bestzeit weg ist, die Platzierung nicht mehr stimmt und das Rennen längst nicht mehr das ist, das man am Morgen geplant hatte. Manchmal bedeutet dieselbe mentale Stärke aber auch, aufzuhören, weil eine Fortsetzung objektiv nicht mehr vernünftig ist. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob jemand gefinisht hat. Sie lautet, welche Entscheidung er unter den gegebenen Umständen getroffen hat – und warum.

Ein DNF ist kein Beweis für Schwäche. Aber es ist auch nicht automatisch ein Zeichen von Reife. Es ist zunächst eine Entscheidung. Und diese Entscheidung muss einer ehrlichen Analyse standhalten. Denn langfristige Entwicklung im Ausdauersport entsteht nicht aus perfekten Ergebnislisten. Sie entsteht aus jahrelanger konsequenter Arbeit, aus guten und schlechten Rennen, aus Fehlern, Anpassung, Belastbarkeit und der Fähigkeit, immer wieder aus Erfahrungen zu lernen.

 

Manchmal bedeutet das, weiterzumachen. Und Manchmal bedeutet es, aufzuhören.

Entscheidend ist es, den Unterschied zu kennen!

 

 


 

QUELLEN

Zum DNF selbst und seiner psychologischen Verarbeitung gibt es vergleichsweise wenig direkte Forschung. Der Beitrag verbindet deshalb Erkenntnisse aus Ausdauer-Sportmedizin, Selbstregulation, Motivationspsychologie, leistungsabhängigem Selbstwert und Athleten-Mental-Health.

    1. Roberts, W. O. et al. (2023): ACSM Expert Consensus Statement on Exertional Heat Illness: Recognition, Management, and Return to Activity. Current Sports Medicine Reports, 22(4), 134–149. Grundlage für die Aussagen zu belastungsbedingten Hitzeerkrankungen und Situationen, in denen eine sofortige Beendigung der Belastung medizinisch erforderlich ist. PubMed
    2. Bennett, B. L., Hew-Butler, T., Rosner, M. H., Myers, T. & Lipman, G. S. (2020): Wilderness Medical Society Clinical Practice Guidelines for the Management of Exercise-Associated Hyponatremia: 2019 Update. Wilderness & Environmental Medicine, 31(1), 50–62. Relevant für Flüssigkeits- und Elektrolytprobleme bei langen Ausdauerbelastungen sowie für die Abgrenzung gegenüber Hitzeerkrankungen. PubMed
    3. Medical Encounters and Treatment Outcomes in Ironman-Distance Triathlon (2023). Die Untersuchung analysiert medizinische Behandlungen bei Langdistanz-Triathlons und zeigt, dass gastrointestinale, belastungsbezogene und weitere medizinische Beschwerden im Rennverlauf relevant werden können und teilweise mit einem DNF verbunden sind. PubMed
    4. Taylor, I. M., Smith, K. & Hunte, R. (2020): Motivational processes during physical endurance tasks. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports. Besonders relevant für den Abschnitt über intrinsische bzw. autonome Motivation: Eine stärker autonome Motivation war mit geringerem Wunsch verbunden, die Belastung zu reduzieren, und mit einem höheren subjektiven Wert des Leistungsziels. PubMed
    5. Jackman, P. C., Whitehead, A. E., Swann, C. & Brick, N. E. (2024): Self-regulatory processes in goal striving during excellent distance-running performances: A qualitative study. Psychology of Sport and Exercise, 70, 102516. Für den Beitrag besonders wichtig: Erfolgreiche Ausdauerathleten überprüfen Ziele während des Rennens und können ein ursprüngliches Ziel aufgeben und sich bewusst auf ein alternatives Ziel neu ausrichten. PubMed
    6. Wrosch, C., Miller, G. E., Scheier, M. F. & Brun de Pontet, S. (2007): Giving up on unattainable goals: benefits for health? Personality and Social Psychology Bulletin, 33(2), 251–265. Grundlage für die wichtige Differenzierung zwischen „Aufgeben“ und adaptiver Zielanpassung: Das Loslassen tatsächlich unerreichbarer Ziele und die Neuorientierung können funktionale Selbstregulationsprozesse darstellen. PubMed
    7. Sagar, S. S. & Stoeber, J. (2009): Perfectionism, fear of failure, and affective responses to success and failure: the central role of fear of experiencing shame and embarrassment. Journal of Sport & Exercise Psychology, 31(5), 602–627. Relevant für die Abschnitte zu Erwartungsdruck, Angst vor einem schlechten Ergebnis, Perfektionismus und emotionalen Reaktionen auf sportliches Scheitern.
    8. Funke, A. & Gustafsson, H. (2026): Shame following performance failure as a potential mediator between sport contingent self-esteem and both competitive anxiety and burnout among elite athletes. Acta Psychologica, 265, 106694. Sehr aktuell und besonders passend zum Beitrag: Die Studie untersucht, wie leistungsabhängiger Selbstwert und Scham nach wahrgenommenem Versagen mit Wettkampfangst und Burnout zusammenhängen.
    9. Reardon, C. L. et al. (2026): Mental health in elite athletes: International Olympic Committee consensus statement. British Journal of Sports Medicine, 60(15), 1083–1130. Der aktuelle IOC-Konsens unterstreicht, dass psychische Gesundheit, Leistungsfähigkeit sowie das soziale und sportliche Umfeld von Athleten gemeinsam betrachtet werden müssen.