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Im September 2019 haben mehrere stabile Hochdrucklagen über den Alpen dazu motiviert einige beliebte Alpenlegenden mit dem Rennrad zu fahren. Der erste Herbstmonat mit seinen spätsommerlichen Temperaturen wurde so der intensivste Trainingsmonat des Jahres, mit den meisten Kilometern, Höhenmetern und Stunden im Sattel. Nicht irgendwelche Strecken und Berge, die Trainingseinheiten gingen mit dem Rennrad um die massivsten Gebirgsstöcke der Domlomiten, des Ortlers und des Oetztals über die populärsten, längsten und höchsten Strassenpässe der Zentralalpen. Die schönsten Eindrücke unserer CLIMBING MOUNTAINS Days mit Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch und der Oetztal GF Runde haben ich in einer CYCLING GALLERY gesammelt.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Grödner © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Grödner © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl

DIE TRADITIONELLE SCHNELLE ALPENLEGENDE

Der Auftakt war Anfang September die erweiterte Tour der Sella Ronda. Von St. Ulrich im Grödener Tal gings mit dem Rennrad talaufwärst nach Wolkenstein und in den Anstieg zum Grödner Joch (2121 m), den massiven Sella Bergblock im Uhrzeigersinn herum. Der Himmel war tiefblau und die Sicht unendlich weit. Während es im Tal spätsommerlich warm war und spürte man am Pass schon eine herbstlich frische. Das Grödner Joch war schnell erledigt und es ging hinunter nach Corvara. Doch anstatt dann rechts, direkt wieder hoch über den Passo di Campolongo (1875 m) nach Arabba zu fahren, nahm ich Abfahrt weiter nach Alta Badia. Erst in dem beliebten Wintersportort bog ich dann rechts weg nach St. Kassian zum Passo di Valparola (2192 m).

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Valparola © Stefan Drexl

Der Valparolo ist ein historischer Ort des zweiten Weltkriegs und eine Augenweide mit seinen steilen Felswänden und dem Gebirgssee auf der Passhöhe. Man könnte an der Abzweigung, 1,5 Kilometer und 80 Höhenmeter unterhalb des Valparola links ab, nach Cortina D’Ampezzo (1211 m), dem ehemaligen Austragungsort der olympischen Winterspiele 1956 abfahren. Diesmal bin ich nach rechts über die Abfahrt des Passo di Falzarego (2105 m) hinunter nach Andráz, um dann das lange Tal des Cordevole entlang des Südhangs nach Arabba (1593 m) hinauf zu rollen. Ich erreichte Arabba (1593 m) ziemlich genau um 18 Uhr zum Glockenläuten. Das kleine Dorf liegt am Fusse des Passo di Pordoi (2239 m) und Passo di Campolongo (1875 m). Die 650 Höhenmeter und 9,4 km zum Pordoi lagen bereits im Schatten, doch der Blick zurück auf die abendlich beleuchteten Dolomitengipfel im Osten war der wunderbare Lohn der Anstrengungen.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Falzarego © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Falzarego © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl

Die Strasse hinauf zum Pordoi war wenig befahren und man konnte deutliche die intensive Abendkommunikation der Murmeltiere auf den weiten Bergwiesen unterhalb des Sella Massivs hören. Das ein oder andere Murmeltier sah man auch auf den vielen am Rande der Passstrasse sitzen. Mit der letzten Kurve zur Passhöhe ging die Sonne erneut auf, sie strahlte direkt durch das Joch und es eröffnete sich ein grandioser Fernblick nach Westen. Die Abfahrt zur Abzweigung (1820 m) nach Canazei (748 m) und hinauf zum Sella Joch (2244 m) lag jetzt vollständig in der Abendsonne und ein wärmender Aufwind blies ins Gesicht.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Pordoi © Stefan Drexl

Der letzte Anstieg über 420 Höhenmeter hinauf zum Sella mit zwar nur kurzen aber teilweise doch knackigen 6 km war der dramatisch Beeindruckenste dieser Tour. Umrahmt von riesigen, im Abendrot leuchtenden Felswänden und dem Blick auf das zurückliegende Pordoi Joch, im Tal das kleine Dorf Canazei und im Hindergrund der Gletscher des Marmolada lies einen die letzten Serpentinen fast mühelos bergauf kurbeln.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl

Die Luft roch herbstlich warm, herrschte, bis auf wenige letzte Autos eine beeindruckende Ruhe. Über die letzten beiden Kehren erreicht man ein kleines Plateau mit einem faszinierenden Ausblick vorbei am Langkofel auf das in der ferne liegende Timmelsjoch im Nordwesten mit den Ötztaler Gletschern und auf den Ortler im Südwesten. Die letzten 500 m sind flacher und entspannt, die Trittfrequenz endlich wieder höher und um 19 Uhr ist der vierte, der letzte Pass der erweiterten Sella Ronda geschafft – zählt man die Abfahrt des Passo di Falzarego auch noch dazu, wären es derer fünf.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Sella © Stefan Drexl

DIE POPULÄRE ALPENLEGENDE MIT DREI OPTIONEN

Für den nächsten Tag stand eine klassische Tour von Glurns (907 m) im Vinschgau auf das Stelvio auf dem Programm. Der Plan war die legendäre Runde über den Ofenpass (2149 m) durch den Tunnel nach Livigno, weiter über den Passo d’Eira (2208 m) und Passo di Fascagno (2291 m) nach Bormio zu fahren, um zum Finale das Stilfser Joch (2757 m) zu erklimmen. Das Wetter war super, ich kenne die Strecke und so bin ich ausnahmsweise ohne weiterer Gedanken los gefahren, denn erst drei Tage zuvor war der Bikeday am Stelvio bei besten Bedingungen.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Ofenpass © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Ofenpass © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Livigno © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Livigno © Stefan Drexl

Zur Mittagszeit startete ich in das Val Münstair über den Pass dal Fuorno ohne vielen Pausen, um pünktlich den Bus für den Radtransport durch den Munt-la-Schera-Tunnel nach Livigno zu erwischen. Ein frischer Ostwind half etwas bei der Auffahrt. Ich war rechtzeitig an der Tunnelstation allerdings kam der Bikeshuttle nicht. Der freundliche Fahrer eines Kleintransporters hat mich und meine Rennrad schliesslich durch den 3,6 Kilometer angen Tunnel mitgenommen. Mit 16 Jahren bin ich den Tunnel noch mit dem Rad durchfahren, doch wegen eines Unfalls vor eineigen Jahren ist das jetzt leider nicht mehr erlaubt.

Entlang des Lago die Livigno fuhr ich durch die zahlreichen Arkaden nach Livigno und links weg auf den Passo d’Eira. Dort gabs dann die erste Pause mit Cappuccino und einem kleinen Plausch mit dem Barista. Nebenbei erzählte der, dass aufgrund einer Gerölllawine vor zwei Tagen die Auffahrt von Bormio zum Stelvio gesperrt sei. Ein kurzer Check der App bestätigte das leider. Hhmmm – manchmal kommt es anders als man denkt, wobei ich mir über so eine Möglichkeit eher keine GEdanken gemacht habe. So musst ich am Passo d’Eira (2208 m) also wieder wenden anstatt weiter über den Passo di Fascagno (2291 m) nach Bormio zu fahren. << REWIND

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Livigno © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Livigno © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Foscagno © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Foscagno © Stefan Drexl

Zurück in Livigno war natürlich die einzige Option erneut durch den Munt-la-Schera-Tunnel (1720 m) über den Ofenpass zu fahren und dafür musste ich wieder den Bikeshuttle nehmen. Der Stand diesmal sogar abfahrtsbereit an der Mautstation als hätte er nur auf mich gewartet. Zwischenzeitlich war es 16 Uhr und hinauf zum Pass dal Fuorno (2149 m) blies mir die frische Brise diesmal ins Gesicht. Das erschwerte den landschaftlich wunderschöbeb Anstieg hinauf zum Ofenpass zusätzlich. Ich erreichte Santa Maria (1386 m) im Val Münstair um 17:45 Uhr, einer Zeit zu der ich eigentlich längst mein Tagwerk beendet haben wollte. An der Abzweigung Umbrailpass (2503 m) musste ich mich deshalb entscheiden, ob jetzt noch weiter zum Stelvio (2757 m) oder zurück nach Glurns (907 m).

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl

Ich machte die Auffahrt zur späten Tageszeit über den Umbrailpass (2503 m) zum Stilfser Joch (2757 m). Meine Beine waren noch fit, ich hatte Licht dabei und noch Verpflegung, ich war als gut vorbereitet und könnte schliesslich jederzeit umkehren. Der erste Abschnitt mit seinen vielen kleinen Serpentinen lag wunderbar in der wärmenden Sonne. Das Hochtal bis wenige Kehren vor der Passhöhe des Umbrailpass (2503 m) war allerdings schon vollständig im Schatten und mit nur 9 Grad Celsius sehr kühl. Das kostete natürlich zusätzlich Energie. Dafür kurbelte ich die letzten 250 Höhenmeter mit der Sonne im Rücken, was für eine angenehme Wärme sorgte und mit der herrlichen Abendstimmung noch einmal zum Finale motivierte. Es sind neben des Trainingseffekts genau diese Momente weshalb ich diesen Sport so liebe.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl

Kurz nach halb acht Uhr abends erreicht ich des Stelvio und erlebte einen sensationellen Sonnenuntergang 2757 m Höhe in absoluter Ruhe: Keine Autos, keine Motorräder mehr. Ich war an diesem Tag wahrscheinlich der Letzte mit dem Rennrad auf dem Stilfser Joch. Dazu gabs noch zwei Cappuccini und dann gennoss ich die Abfahrt, deren 48 Kehren ich komplett für mich alleine hatte und so den ganzen Schwung mitnehmen konnte. Es wurde natürlich immer dunkler je weiter ich wieder ins Tal hinunter fuhr, dafür aber auch wieder wärmer. Ab der Baumgrenze war ich sehr froh über die Leuchtkraft meiner Vorderbeleuchtung, die allen Kehren frühzeitig optimal ausleuchtete.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Umbrail © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Stelvio © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Stelvio © Stefan Drexl

In Prad angekommen war es dann trotz der Dunkelheit noch so warm, dass ich meine Windjacke, Stirnband und Handschuhe auszog. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man mühsam erklommene 1800 Höhenmeter platt macht. Etwa 40 Minuten dauert die Abfahrt ins Tal und bis zurück zum Ziel- und Startpunkt war es noch eine halbe Stunde, so dass ich um neun Uhr wieder Glurns erreichte. Hätte ich von der Strassensperrung der Südrampe von Bormio auf das Stilfser Joch vor meinem Start erfahren, wäre ich wahrscheinlich gleich den Umbrail hinauf gefahren und hätte diese Tour mit dem faszinierenden Sonnenuntergang mit der Solo über das Sitlfser Joch so nicht erlebt. Hätte, hätte, Fahrradkette! Einfach wunderbar …

Am nächsten Tag fiel der erste Schnee auf dem Stilfser Joch bis hinunter auf 1200 Meter.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Stelvio © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Stelvio © Stefan Drexl

TIMMELSJOCH & OETZTAL GF – DIE HÄRTESTE & LÄNGSTE

Eine Woche später legte sich erneut ein stabiles Hochdruckgebiet über den Alpenraum und transportierte warme Luft aus dem Süden über die Gipfel des Alpenhauptkamms. Für eine Tagestour ohne all zu weiter Anreise bot sich ein Klassiker an – Start und Ziel in Zirl im Inntal: Die Strecke des Oetztal Radmarathon

Eine Tour, die keiner langen Beschreibungen bedarf, denn dazu gibt es inflationär viele Beiträge im Netz und auf Papier, sogar Bücher darüber. Für mich ist der Rundkurs vor allem aus trainingsmethodischer Perspektive sehr interessant. Jeden der drei grossen Strassenpässe, Brenner, Jaufen und Timmelsjoch kann man mit einer anderen Zielsetzungen und Trettechnicken anfahren und hinten raus noch ein konstantes Tempointervall fahren, vorausgesetzt man verpflegt sich richtig während der 230 Kilometer und 4500 Höhenmeter.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Brenner Pass © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / St. Leonhard, Passeier Tal © Stefan Drexl

Der Start des Oetztal Radmarathon ist normal in Sölden (1377m). Von dort geht es talauswärts und in Oetz (800m) rechts ab, hinauf über den teilweise sehr steilen Kühtai Sattel (2020m) und runter nach Kematen durch das Inntal nach Innsbruck (600m). Es geht dann den über den moderaten Anstieg des Brennerpass (1377m) weiter nach Sterzing (960m) und rechts ab, gleichmäßig bergauf zum Jaufenpass (2090m). Die sehr anspruchsvolle Abfahrt hinunter nach St. Leonhard im Passeiertal kostet erneut 1400 Höhenmeter. Es folgt der finale und aufgrund seiner Länge (29 km) und des Höhenunterschieds (1820 m) äusserst anspruchsvollen Anstieg zum Timmelsjoch (2509 m) bevor die Abfahrt, mit einem kurzen Gegenanstieg vor der Mautstation, hinunter nach Sölden die Rennradfahrer für die Strapazen belohnt.

Dies klassische „Original“-Strecke habe ich leicht modifiziert, um dem Verkehr in Innsbruck aus dem Weg zu fahren und die Alternative über Axams (875 m) und Mutters zur Brennerstrasse gewählt. Einzig die kurze Aufwärmphase vor dem Anstieg nach Axams ist ungünstig, so dass eine moderate Trittfrequenz um die 75 rpm und niedrige HF-Werte zu empfehlen sind, um unterhalb der Schwelle zu bleiben, schliesslich gibt es noch einige Höhenmeter an diesem Tag zu erledigen.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Jaufenpass © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Jaufenpass © Stefan Drexl

Für den Brennerpass war dann die Vorgabe eine niedrige Trittfrequenz mit gutem Tempo im moderaten Herzfrequenzbereich über den kompletten Anstieg bis ein Kilometer vor Brennersee zu fahren, um im oberen GA2 unterhalb der Schwelle zu fahren. Wichtig: Am Brenner, auf italienischer Seite gibts den ersten Espresso doppio macchiato und dazu ein Banana Bread. Übrigens: Das Frühstück war Porridge (zarte Haferflocken in warmer Sojamilch) mit Rosinen und einer zerquetschten Banane.

Zur Nachspeise folgte in Sterzing das erste Energy Gel, um den Anstieg zum Jaufenpass etwas zu versüssen und die 1050 Höhenmeter konstant kurbeln zu können. Der zweite Pass an diesem Tag war bei einer kleinen Übersetzung (39 – 24/26/28) mit hohen Tittfrequenz und moderaten Herzfrequenz geplant. Die Intensität über die knapp 10 km und damit durschnittlich etwas über 10 % Steigung war im mittleren bis oberen KA / EB Belastungsbereich.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Jaufenpass © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Jaufenpass © Stefan Drexl

Das lief soweit einwandfrei, jedoch ein frischer Wind, je weiter ich in die Höhe kam, sorgte für mehr Widerstand und erforderte erhöhten Energiebedarf, die Körpertemperatur zu erhalten. Auf dem Jaufenpass gab’s dann die selbe Verpflegungsroutine wie zuvor, nur der Koffeinbedarf wurde erst nach der Abfahrt in St. Leonhard gedeckt, denn es war kalt auf 2094 Höhenmetern.

Es folgte der Höhepunkt dieser Highlight-Tour mit dem längsten und höchsten Anstieg hinauf zum Timmelsjoch. Vom Ausgangspunkt in St. Leonhard auf 700 Höhenmeter über 29 Kilometer hinauf auf 2509 Höhenmeter. Wieder im Sattel nach zwei Cappuccini noch ein Energy Gel und ab ging’s.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl

Die Herausforderung der Südostrampe liegt ganz deutlich in der Dauer der Belastung. Möchte man das Timmelsjoch, wie von mir geplant und umgesetzt eine Belastung im mittleren GA2 – Bereich fahren, dann landete man spätestens nach 60 min im KA / EB – Bereich und springt frühestens hinter Moos im Passeier Tal nach Kilometer 7 und spätestens nach den dritten 12,5 Prozent zwischendurch immer wieder im KA2 – Bereich an der Schwelle und auch darüber. Das bedarf einer richtigen, kontinuierlichen Verpflegung, um nicht leer zu laufen und einen Hungerast zu bekommen.

Aus diesem Grund habe ich mir an der letzten Tankstelle bei Moos zusätzlich eine Cola zugeführt und die Trinkflaschen noch einmal aufgefüllt. Anders als die Auffahrt zum Jaufenpass lagen die ersten Serpentinen und 20 Kilometer in der Sonne und die Temperaturen waren mit 26 Grad um 10 Grad wärmer. Das erste Drittel bis kurz vor dem Abzweig Rabenstein empfinde ich persönlich am schwersten, denn dann wird es einerseits weniger steil für gute vier Kilometer, es gibt immer wieder einmal Schatte, die Temperaturen sind angenehmer und die Trittfrequenz kann wieder erhöht werden, um die Beine zu lockern.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl

Auch eine gute Gelegenheit das nächste Energy Gel zu nehmen, über die Bedeutung des regelmässigen, ausreichend Trinkens brauchen wir nicht zu reden. A propos Frequenzen: Zu dem genannten Belastungsbereich bin ich niedrige bis mittlere Trittfrequenzen entsprechend angepasst an die Steigung gefahren und habe den kompletten Übersetzungsbereich mit dem kleinen vorderen Blatt genutzt, um eine möglichst konstante Herzfrequenz über die Dauer von zwei Stunden plus.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl

Das Timmelsjoch ist lang, sehr lang und zu Anfang kann man sich nicht vorstellen so lange bergauf zu fahren und dennoch vergeht die Zeit sehr zügig. Ich war erneut relativ spät am Nachmittag auf der Passhöhe angekommen, zog mich warm an und habe noch ein paar Bilder gemacht. Gedanklich hat man die grosse Runde mit der Ankunft am Timmelsjoch schon erledigt, geht’s doch von nun an nur noch bergab, abgesehen von dem kurzen Gegenanstieg zur Mautstation in Hochgurgl.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl

Die Temperatur in Sölden war natürlich wesentlich wärmer als am Pass aber doch frischer als auf der Südseite und wegen des frühen Sonnenuntergangs im Tal bereits schattig. Im Oetztal roch es nach frischem Heu und die Gipfel strahlten in der Sonne. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit beschloss ich den Kühtai Sattel rechts liegen zu lassen und besser den weiteren Weg über das Inntal zurück nach Zirl zu nehmen.

CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden - Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl
CLIMBING MOUNTAINS Alpenlegenden – Stelvio, Sella Ronda, Timmelsjoch, Oetztal GF / Timmelsjoch © Stefan Drexl

Die Sonne war bereits untergegangen, die Alpengipfel glühten nun feuerrot und im Osten stieg über Innsbruck der Vollmond hinter der Bergsiloutte empor. Eine faszinierende Stimmung auf den letzten Radkilometern, die sich wieder einmal gelohnt hat und so nicht hätte geplant werden können. Nach den mehr als 10.000 Höhenmetern in mehr als 500 Kilometern auf dem Rennrad innerhalb 10 Tagen neben den gesteigerten Schwimm- und Laufeinheiten mit den wunderbaren positiven Eindrücken waren das gute Aussichten für den IRONMAN 70.3 Slovenia in weiteren 10 Tagen. Genug Zeit für die verdiente Erholung!

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Wir lassen das Stilfser Joch hinter uns und fahren vom Vinschgau in die Dolomiten zur Sella Ronda. Über das Val Gardena erreichen wir am späten Abend das Bergdorf Wolkenstein am Fusse des Grödner Jochs. Verdammt lange her, dass sich die Gelegenheit und auch das Wetterfenster für eine Tour um das faszinierende Bergmassiv mit dem Rennrad bot. Für den nächsten Tag habe ich eine erweiterte Variante der Sella Ronda über den Valparola geplant.

 

Die aufgehende Sonne lässt die Gipfel der Dolomiten glühen während unten das Grödner Tal noch im Nebel gebettet ruht. Heute ist Herbstanfang und es ist kühl, sehr kühl. Nein, es ist sogar richtig frisch, schliesslich liegt Wolkenstein auf 1550 Meter und das macht durchaus einen Unterschied zu Prad im Vinschgau. Wir lassen uns Zeit mit der der Vorbereitung. Ich bestelle zwei Cappucini dopio in einer Espresso Bar, das macht warm, wach und bringt den Stoffwechsel auf Touren. Für den Anfang ziehe ich mir Ärmlinge und noch eine Weste an.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Von Wolkenstein hinauf zum zum ersten Ziel Passo Gardena, Grödner Joch entlang der Sella Nordwand. © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Von Wolkenstein hinauf zum zum ersten Ziel Passo Gardena, Grödner Joch entlang der Sella Nordwand. © stefandrexl.com

AUS DEM SCHATTEN DES SELLA MASSIVS

Als die ersten Sonnenstrahlen über die Sella Gruppe blinseln, schinge ich mich in den Sattel. Ohne viel Schnickschnack geht es aus dem Dorf hinaus und direkt hinein in den Anstieg. Nach fünf Kilometern fahre ich intuitiv links weg zum Passo Gardena, lege mich damit auf eine eine Runde im Uhrzeigersinn fest. Etwa vier Stunden später, so hoffe ich, werde ich an selber Kreuzung auf der Abfahrt vom Sella wieder vorbeikommen. Die Steigung ist mit durchschnittlichen acht Prozent moderat. Ich gebe zu, dass ich durchaus bedenken hatte, wie das heute laufen würde. Insbesondere nach der Vorbelastung tags zuvor, mit Passo Umbrail und dem Stelvio.
 
Eine Flachpassage entlang der gewaltigen Sella Nordwand erlaubt es durchzuschnaufen bevor es über die letzten Serpentinen hoch auf 2121 Meter zur Passhöhe des Grödner Jochs geht. Nach nicht einmal einer Stunde fahre ich endlich aus dem kühlen Schatten des Sella Massivs und habe den erste Streich geschafft. In der Morgensonne rollt es über die Wiesenhänge wie auf einer Achterbahn hinunter nach Corvara in Badia. Schnell ist der nördlichste Skiort der Sella Rondo erreicht und anstatt jetzt gleich über den Passo Campolongo nach Arabba abzubiegen, fahre ich talauswärts weiter nach Alta Badia (Stern).
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Kurz hinter Alta Badia ragen die senkrechten Felsen der Cima Cunturines empro bevor es in den Anstieg zum Valparola geht.  . © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Von Wolkenstein hinauf zum zum ersten Ziel Passo Gardena, Grödner Joch entlang der Sella Nordwand. © stefandrexl.com

DER VALPAROLA IST NICHT NUR FÜR RENNRADFAHRER EIN GESCHICHTSTRÄCHTIGER ORT

Dort geht’s dann schliesslich rechts nach Cortina zum Passo di Valparola ab. Es rollt gemütlich bergan durch das weitläufige Tal, nach Süden ist der Blick frei auf denn gesamten Sellablock. Vor mir bauen sich unterdessen schon wieder die senkrechten Felsen der Cima Cunturines auf. Die Lockerheit und hohe Trittfrequenz mit der ich mich nach 7,5 Kilometern dem Talende nähere ist trügerisch. In einer leichten Strassenbiegung geht es prompt mit 11 Prozent in den nächsten Anstieg. Einzig die wenigen Kehren des 2168 Meter hohen Passes lassen nunmehr die Trittfrequenz wieder die 75 Umdrehungen erreichen, die Steigung ansonsten konstant. Oberhalb der Baumgrenze wäre ein genussvoller Rundumblick, wäre, denn statt bei der 1000 Meter Marke Erleichterung zu verspüren und zu geniessen kulminiert die Steigung, selbst die Kehren jeder Serpentine sind jetzt ‚tipico italiano’: steiler als ihre Geraden. Wie diesen historischen Alpenpass wohl einst die Steinzeitmenschen oder später Pferde bewältigt haben?
 
Zurück in die Gegenwart: Mein Blick auf einen türkis schimmenden, kristallklaren Gebrigssee vor der Passhöhe ist der Lohn der Schinderei. Das karge Hochplateau des Valparola auf 2168 Meter ist nicht nur für Rennradfahrer ein geschichtsträchtiger Ort. Daran erinnert unter anderem das Festungswerk Tre Sassi der ehemaligen österreich-ungarischen Sperrkette vor Beginn des ersten Weltkrieges. Nach einer kurzen Abfahrt erreiche ich den etwa 60 Höhenmeter tiefer gelegenem Passo di Falzarego (2105 hm) in der Provinz Belluno. Den historischen Gebirgssattel dominiert ein großer Kreisverkehr, den neben ein paar Rifugio und einer Espresso Bar, vor allem die Talstation der Lagazuoi Seilbahn prägt. Vor allem von Cortina d’Ampezzo lassen sich die Touristen in Bussen hier hochkarren, um die grossartige Aussicht auf Marmolada im Westen, die Civetta und Monte Pelmo im Süden, sowie den Monte Cristallo und die Cinque Torri im Osten zu geniessen. Ein Espresso doppio und ich bin weiter!
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Hochplateau des Valparola ist erreicht. © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Hochplateau des Valparola ist erreicht. © stefandrexl.com

DAS PORDOIJOCH IST EIN KURBLER, GLEICHMÄSSIG STEIGEND

Mein Weg führt mich den Falzarego hinunter, entlang an den Hängen des Hochtals nach Arabba. Dort trifft man von Corvara kommend wieder auf die Passtrasse des Campolongo. Nahtlos geht es in Arabba in die 9,5 Kilometer lange Auffahrt zum Passo Pordoi über. 650 Höhenmeter gilt es auf dem vorletzten Pass erneut gut zu machen. Das Pordoi scheint bislang die sanfteste Steigung zu sein, wenn gleich die Steigung ähnlich der anderen Pässe ist. Jeder kennt das, zehn Prozent sind nicht gleich zehn Prozent. Herzfrequenz und Belastungsempfinden sind jedenfalls identisch in der Komfortzone. Das Pordoijoch ist ein Kurbler, die Ostrampe gleichmässig steigend. Kurz und schmerzlos erreiche ich seine Passhöhe auf 2239 Meter, die nicht lange zum Verweilen einlädt.
 
Ein Power Gel vor der Abfahrt, in weiser Vorahnung auf den letzten Höhepunkt des Tages und ich schwinge mich durch die Serpentinen Richtung Canazei hinunter. Die langen Bremswege vor den Kehren lassen einen deutlich anspruchsvolleren Anstieg der Westrampe erahnen, selbst wenn die Fakten des Höhenprofils etwas anderes sprechen. Aus dem Nichts, eine kleine Kreuzung und scharfe Rechtskurve. Wer das nicht weiss, der steht. Mitten im Wald teilt sich die Strasse hinauf zum Sella. Für 300 Meter ist es plötzlich so steil, dass es eigens einen Streifen für Radfahrer gibt.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Der Blick hinunter nach Arabba während des Auffahrt auf das Pordoi © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Der Blick hinunter nach Arabba während des Auffahrt auf das Pordoi © stefandrexl.com

WORTE KÖNNEN DIESEN MOMENT KAUM BESCHREIBEN

Die letzten 5,5 Kilometer und 400 Höhenmeter bergauf stehen vor mir. Die Südrampe zum Passo Sella liegt zur Mittagszeit komplett in der Sonne und dennoch sind die Temperaturen heute angenehm warm. Mit jeder Kehre geniesse ich jetzt den Anstieg im Wissen, welche Strecke heute schon hinter mir liegt und dem Finale vor mir. Noch dreimal kehre ich in die Sonne, noch dreimal aus der Sonne, noch zwei Mal, noch ein Mal. Tausend Meter steht auf einer Bodenmarkierung neben berühmten Namen von Radprofis und dann stehe ich am höchsten Pass meiner heutigen Tour. meines ganz persönlichen Giro della Sella Ronda.
 
Alle Anstrengung vergessen. Was könnte man jetzt alles sagen, Worte können diesen Moment, die gesammelten Eindrücke, einzigartigen Augenblicke und Gedanken kaum beschreiben. Am Ende wäre vieles gesagt und doch nicht alles erzählt. Es ist einfach ein wunderbares Gefühl – ein geiles Gefühl, ganz oben auf einem Bergpass angekommen zu sein. Und heute waren es bei mir derer vier.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Der Passo Pordoi am Fusse des Sella Turms, die vorletzte Passhöhe des Tages © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Der Passo Pordoi am Fusse des Sella Turms, die vorletzte Passhöhe des Tages © stefandrexl.com

TAGE WIE DIESER SIND UNBEZAHLBAR

Nach zwei Cappuccini ist es an der Zeit ins Tal zu rollen. Es wird frisch, steht man zu lange hier oben auf 2244 Meter. Für die Abfahrt ziehe ich wieder Ärmlinge und meine Weste an. Die Westrampe hat wenig Serpentinen und ein beinahe konstantes Gefälle, hier ist der Name Programm. Seit viereinhalb Stunden sitze ich jetzt im Sattel und passiere tatsächlich nach vier Stunden erneut die Abzweigung zum Passo Gardena. Zurück in Wolkenstein steige ich exakt nach einhundert Kilometern mit einem breiten Grinsen, glücklich und zufrieden von meinem Rennrad. Tage wie dieser sind unbezahlbar und kann Dir keiner mehr nehmen.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Am Passo Sella ist es vollbracht und dem Tunnelblick der Schinderei folgt echte Glücklichkeit © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Am Passo Sella ist es vollbracht und dem Tunnelblick der Schinderei folgt echte Glücklichkeit © stefandrexl.com


 

PERSÖNLICHE ANMERKUNG

Es war mein Vater, der gemeinsam mit mir vor 30 Jahren zum ersten Mal die Sella Ronda gefahren ist und auch die Alpen von Norden nach Süden mit dem Rennrad überquert hat. Er hat in mir die Leidenschaft des Rennradfahrens gestärkt, Demut vor und Faszination für die Berge und die Natur geweckt. Er hat mir beigebracht, große Herausforderungen mit Willenskraft und Training zu bewältigen. Ich bin Ihm dafür sehr dankbar und hoffe, dass ich auch meinen Kindern etwas von diesem besonderen Gefühl auf Ihrem eigenen Weg mitgeben kann. Danke Papa!

 

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Stefan Drexl
 
 

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Mit dem Rennrad auf einen Berpass? Warum nur? Darum! (Süddeutsche Zeitung)
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QUELLEN

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Quäl Dich / Pässe

Klick, klick, die ersten Pedaletritte sind noch schwer, es ist frisch im Vinschgauer Tal, auf 2757 Meter erleuchtet bereits das Ziel im Sonnenaufgang. Dazwischen 48 Kehren auf 24,6 Kilometer: Der Passo Stelvio – Zweithöchster Alpenpass nach dem Col de l’Iseran. Doch statt direkt die Nordostrampe von Prad aus zu nehmen, fahre ich über Glurns und Santa Maria Val Müstair durch die Schweiz, um erst den Passo Umbrail zu bewzingen.

 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Vinschgau ist frisch im Morgengrauen © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Vinschgau ist frisch im Morgengrauen © stefandrexl.com

Die Kette surrt, die Trittfrequenz ist hoch und kaum ein Mensch ist so früh am Morgen auf den Strassen unterwegs. Die Beine werden allmählich locker nach der langen Anreise im Auto und die kühle Luft macht munter. Ein latenter Vorteil, fährt man nicht sofort in den Anstieg und kann ein paar Kilometer einrollen. Vorbei an Laatsch ist die Lockerheit auch schon wieder vorbei, es geht hinauf nach Taufers im Münstertal und über die schweizer Grenze. Die ersten zehn Kilometer liegen hinter mir und ich erreiche Santa Maria.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Die Serpentine im Val Muraunza hinauf zum Passo Umbrail © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Die Serpentine im Val Muraunza hinauf zum Passo Umbrail © stefandrexl.com

IM RHYTHMUS DER SERPENTINEN

An der einzigen Kreuzung im Dorf geht’s diesmal für mich links ab und hinein in den Passo Umbrail mit gleich zehn Prozent. Gerade aus käme man über den Ofenpass nach Zernez oder Livigno. Wer die Kreuzung nicht kennt, steht erst einmal vor einer Rampe. Die ersten beiden Kilometer im Wiegetritt, dann beginnt der Takt der Serpentinen, mein Rhythmus für die nächsten 75 Minuten.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Gipfelglück weicht dem Tunnelblick am Passo Umbrail © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Gipfelglück weicht dem Tunnelblick am Passo Umbrail © stefandrexl.com

DER TUNNELBLICK WEICHT EINEM GLÜCKSGEFÜHL

Nach dem letzten Gasthof ist man alleine mit sich selbst, seinem Rennrad und dem Berg. Eine flache Passage durch das Val Muraunza nimmt etwas Druck zum verschnaufen, bevor ich die letzten vier Kilometer zur Passhöhe angreife. Die Baumgrenze liegt hinter mir und die Strasse schlängelt sich den Berg entlang mit wechselnden Kehren und meist elf Prozent. Den Passo Umbrail auf 2503 Meter markieren ein paar Rifugios mit der verlassenen Zollstation. Mein angestrengter Tunnelblick der letzten Stunde weicht einem ersten Glückgefühl. Nach einem kurzen Fotostopp und lockeren hundert Meter trifft die Passstrasse auf Südwestrampe von Bormio und die letzten 264 Höhenmeter hinauf zum Passo Stelvio folgen.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Finale der Südwestrampe zum Passo Stelvio © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Das Finale der Südwestrampe zum Passo Stelvio © stefandrexl.com

DER GEIST WIRD WIEDER HELL WACH AM STELVIO

Es ist deutlich kühler und die Luft dünner hier oben, aber zum Glück ist man aus dem schattigen Muraunza Tal in der Sonne. Die Serpetinen sind hier micht mehr so eng, die Steigung aber weiterhin asnpruchsvoll. Die Konzentration lässt aufgrund der Höhe etwas nach, aber auch die fantastische Aussicht über sämtliche Gipfel um mich herum lenkt von der Anstrengung ab. Nach zwei Stunden ist die Passhöhe erklommen und ich stehe überwältigt auf 2757 Höhenmeter. Der Schmerz der Schinderei verfliegt schnell und der Geist wird wieder hell wach am Stelvio, zwei Cappuccini erledigen das Übrige.
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Wir sind wohl nicht die ersten am Passo Stelvio © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Wir sind wohl nicht die ersten am Passo Stelvio © stefandrexl.com

1.842 HÖHENMETER IN NUR 45 MINUTEN ABGEBAUT

Mit demütigen Blick auf das imposante Ortler Massiv mit seinen Gletscherkappen in 3905 Höhe geniesse ich jetzt die Abfahrt über die Nordostrampe hinunter zum Startort. Mit purer Freude geht’s durch jede Serpentine und einem sportlichen Gruss jedem entgegenkommende Radpsortbegeisterten. In 45 Minuten sind zwei Stunden hart erarbeitete, schweisstreibende 1.842 Höhenmeter wieder abgebaut und Prad wieder erreicht: Klack, klack!
 

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Demütiger Blick auf das imposante Ortler Massiv mit seinen Gletscherkappen © stefandrexl.com

PAPA IS A RIDING STONE Mit dem Rennrad über Stelvio, Sella und Valparola 2 / Demütiger Blick auf das imposante Ortler Massiv mit seinen Gletscherkappen © stefandrexl.com

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